Wie wurde im antiken Griechenland Krankheit verstanden – als göttliche Strafe oder als natürliches Ungleichgewicht?
Text Leonie Mühlemann und Theodosia Siozou
Schüler:innen des Fachs Griechisch sind dieser Frage nachgegangen und haben zwei zentrale Gestalten der Medizingeschichte erforscht: den Arzt Hippocrates und den Heilgott Asklepios.
Hippocrates: Der erste Alternativmediziner der Antike
«Medicus curat, natura sanat» – Der Arzt pflegt, die Natur heilt. Das Zitat stammt von Hippocrates, einem griechischer Arzt und Philosoph, der als einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Medizingeschichte gilt. Er begründete die wissenschaftliche Medizin und widmete sich der medizinischen Ethik. Er lebte in der klassischen griechischen Periode und gilt als einer der ersten, der glaubte, dass Krankheiten natürliche Ursachen hätten und nicht eine göttliche Strafe seien. Er war der festen Überzeugung, dass Krankheiten das Produkt von Umweltfaktoren, Lebensgewohnheiten und Ernährung seien.
Hippocrates hat in seiner Medizin drei Grundsätze formuliert und diese auf die Heilung von Krankheiten angewendet. Der erste Schritt ist die Diätik. Dabei schlägt Hippocrates zum Beispiel Schonung, warme Flüssigkeiten und gesunde Ernährung vor. Der zweite Schritt ist die Pharmazeutik, wobei darunter Kräuterheilkunde verstanden wurde. Im Notfall wird dann der dritte Grundsatz, die Chirurgie, angewendet. Hippocrates wurde nicht nur bekannt durch seine drei Grundsätze, sondern auch für seine Vier-Säfte-Lehre. Diese besagt, dass Gesundheit auf dem Gleichgewicht von vier Körpersäften beruht: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Blut macht den Menschen lebensfroh, optimistisch und wurde als warm wahrgenommen. Der Schleim ist kalt und führt zu Ruhe, während die gelbe Galle sehr trocken und warm ist, was mit Reizbarkeit und Energie assoziiert wird. Dagegen ist die schwarze Galle kalt und trocken und führt zu Grübelei und Melancholie. Sobald kein Gleichgewicht zwischen diesen vier Säften besteht, resultiert eine Krankheit. Hippocrates Ziel war es, diese anhand inneren Gleichgewichtes wiederherzustellen, etwa durch passende Ernährung, Bewegung oder pflanzliche Mittel.
Seit der Antike legen Ärzte einen Schwur ab, den Eid des Hippocrates, um sich zu einem verantwortungsvollen und ethischen Handeln zu verpflichten. Sie versprechen, Patienten zu helfen und nicht zu schaden und das, was ihnen anvertraut wird, zu bewahren (Schweigepflicht). Der ursprüngliche Wortlaut von Hippocrates wird heute kaum noch verwendet, aber es gilt noch immer der Grundsatz, sich dem respektvollen und sorgfältigem Umgang mit Patienten zu widmen. Dies ist heute eine wichtige Grundlage ärztlichen Handelns, etwa im Genfer Gelöbnis.
Asklepios – der Heilgott der Antike
Asklepios (gr. Ἀσκληπιός, lat. Äskulap), der Sohn des Gottes Apollo und der menschlichen Koronis, ist der Gott der Heilkunst und der Medizin. Er wurde in seiner Kindheit vom Kentauren Cheiron in der Heilkunst unterrichtet. Er wird selbst von Homer als «unvergleichbarer Arzt» angesehen, einschliesslich der Tiermedizin. Er könne alle Krankheiten und Verletzungen heilen und habe von Athene, der Göttin der Weisheit, das Gorgonenblut bekommen, welches ihm erlaube, selbst den Tod ungeschehen zu machen.
Die Heilbehandlung durch Asklepios fällt unter den Begriff der theurgischen Medizin. Damit ist der Glaube gemeint, dass Krankheit und Gesundheit durch göttliche Einflüsse bestimmt sind und die Kranken durch die Vermittlung eines Priesterarztes in Tempeln oder heiligen Orten geheilt werden können. Der Asklepios-Kult hatte sein Zentrum in der Argolis in Epidauros. Die Kranken schliefen hier in einem Tempel des Asklepios und träumen von ihrer Heilung durch den Gott der Heilkunst. Sie wachten von ihren Leiden befreit am nächsten Morgen auf – soweit der Mythos. In Wirklichkeit wurden die Kranken von den asklepischen Priestern versorgt und geheilt. Dies wurde als Inkubation bezeichnet.
Als Dank für ihre Heilung fertigten die Patienten oftmals ein Weihrelief oder eine Votivstele. Weihreliefs stellten meistens den Gott Asklepios und seine Tochter Hygieia, die Göttin der Gesundheit, dar, die den Kranken heilen. Votivstelen dagegen erzählten die Krankheitsgeschichte des Patienten. Beide dienten dazu, für den Asklepios-Kult zu werben und die Wunderheilungen zu bekennen. Auch Votivgaben, Nachbildungen von kranken Körperteilen, waren häufige Darlegungen als Dank für die göttliche Heilung.
Der Mythos des Asklepios zieht sich auch in die römische Kultur weiter. 293 v.u.Z. herrschte in Rom eine schwere Pest, weshalb der römische Senat eine Gruppe nach Epidauros schickte. Dort erschien ihnen der Gott Asklepios in Form einer Schlange. Diese nahmen sie mit nach Rom, auf dem Weg sprang sie vom Boot und schwamm auf die Tiberinsel. Dies galt als göttliches Zeichen, die Insel sei eine heilige Stätte des Heilgottes und ihm zu Ehren wurde ein Tempel errichtet. Noch heute steht auf der Insel ein Krankenhaus.




















































