30 Jahre lang hat Erich Binggeli den Theaterbetrieb am Gymnasium Thun mitgeprägt. Nun inszenierte er mit Sam Linder sein letztes Stück – bei dem nur Frauen auf der Bühne standen.
Text Gabriel Berger (Thuner Tagblatt)
Fotos Christian Pfander (Thuner Tagblatt)
Was haben Erich Binggeli und John Keating gemeinsam? Klar, beide stehen im Klassenzimmer und geben Unterricht, aber das ist nicht der springende Punkt. Den Thuner Gymnasiallehrer und die Hauptfigur aus dem Film «Dead Poets Society» («Der Club der toten Dichter») verbindet ein spezieller Charakterzug: «Die Überzeugung, dass Begeisterung für das, was wir vermitteln wollen, nötig ist.»
Es ist Binggeli selbst, der diesen Satz 2006 in einem Interview mit dieser Zeitung sagte. «Er gilt heute immer noch», hält er fest. Damals inszenierte der Deutsch- und Englischlehrer fürs Abschlusstheater «Carpe Diem», eine während eines Sabbaticals selbst geschriebene Bühnenfassung seines Lieblingsfilms «Dead Poets Society». Auch die Musik fürs Stück komponierte Binggeli selbst.
«Carpe Diem» als Leitspruch
Nach wie vor ist jenes Stück eines seiner ganz grossen Highlights, wenn er auf die letzten Dekaden zurückblickt: Das Medienecho war gross, die Kritiken waren wohlwollend, der Schadausaal des KKThun bei der Derniere bis auf den letzten Platz besetzt. «‹Carpe Diem› ist aber auch ein Slogan für mein ganzes Leben», sinniert Binggeli.
Im Frühling 2025 feierte die Produktion «The Women» der Theatergruppe von Gymnasium und Fachmittelschule (FMS) Thun Premiere. Für Erich Binggeli wird es – nebst aller Begeisterung – auch eine Zeit des Abschieds sein. Nach insgesamt acht Inszenierungen nimmt der Co-Leiter des Theaterteams, der 2027 in Pension geht, seinen Hut.
Gleichzeitig sind es auch die allerletzten Gymer-Theateraufführungen im KKThun. Künftig werden diese in der neuen Aula des Erweiterungsbaus Ost stattfinden.
Den Theaterbereich aufgebaut
Seine Wurzeln hat Erich Binggeli in Rapperswil im Seeland. 1989, noch während des Studiums, verschlägt es ihn als Praktikant an die Mittelschule nach Thun. Bereits ein Jahr darauf tritt er seine Stelle als Lehrer an – und zieht wenig später definitiv in die Region.
Dass die jeweils ältesten Jahrgänge an Gymnasium und FMS ein Theater für die Öffentlichkeit präsentieren, ist mit Binggelis Verdienst. Den Anfang macht er 1996 mit dem Werk «Die fremde Stadt» von John B. Priestley, damals noch hauptsächlich gespielt von jungen Erwachsenen, welche die Handelsmittelschule absolvierten.
Binggeli ist massgeblich daran beteiligt, die Fachschaft Theater aufzubauen. Im Wechsel mit Kolleginnen und Kollegen aus der Lehrerschaft zeichnet er – zunächst fast im Alleingang, danach in einem Team – für die Umsetzung der Stücke verantwortlich.
Im Jahr 2000 etwa kommt der Max-Frisch-Klassiker «Santa Cruz» zum Zug. Der damalige Hauptdarsteller, Sam Linder, wird später selber Lehrer und ist heute Co-Leiter der Theatergruppe. «Erich hat mich definitiv fürs Theater begeistert. Nach ‹Carpe Diem› beispielsweise verliess ich als Zuschauer völlig beseelt den Schadausaal», erinnert sich Linder heute.
Ein eigentliches «Geheimrezept», um das Feuer bei seinen Schülerinnen und Schülern zu entfachen, hat Erich Binggeli nicht. Aber er meint: «Es war und ist mir stets wichtig, den jungen Menschen im Ensemble Verantwortlichkeit zu übertragen und sie in Entscheide einzubeziehen.» So wirken Teilnehmende nicht «nur» als Darstellende, sondern übernehmen ebenso Aufgaben bei den Kostümen, beim Bühnenbild oder bei den Requisiten.
Wo bleiben junge Männer?
Als aktuelles Werk haben Binggeli, Linder und die musikalische Leiterin Christa Gerber «The Women – Damen der Gesellschaft» ausgesucht – eine sozialkritische Satire mit teils bissigen Dialogen der US-amerikanischen Autorin Clare Boothe Luce aus dem Jahr 1936.
Sie machten dabei aus der Not eine Tugend, denn für die Inszenierung meldeten sich ausschliesslich Frauen. Ohne die paar wenigen Männer in der Begleitband wäre das Ensemble, welches inklusive Sängerinnen rund zwei Dutzend Mitwirkende umfasst, rein weiblich.
«Es ist eine Phase, aber eine, die schon etwas länger andauert», sagt Erich Binggeli zum aktuellen Männermangel in der gymnasialen Theatergruppe. Bereits beim Stück «König Ödipus» vor Jahresfrist hätten kaum Männer mitgemacht.
Als Grund für die Zurückhaltung bei den Herren vermutet der Deutschlehrer unter anderem den Fitnesstrend. «Meine These ist, dass die jungen Männer keine Zeit mehr für die Bühne haben, weil sie mehrmals pro Woche ins Fitnessstudio gehen».
Broadway-Hit zum Schluss
Die Theatergruppe liess sich davon jedoch nicht beirren und machte das Beste daraus. «The Women» dreht sich um die Herausforderungen, Sorgen und Nöte der Damen der verwöhnten High Society. Es geht um Themen wie Liebe, Affären, Selbstermächtigung. Das Stück wurde am Broadway über 600 Mal aufgeführt; ausserdem hat Hollywood den Stoff in den 1930- und erneut in den 2000er-Jahren verfilmt.
«Wir haben uns sehr eng an der Stückvorlage orientiert und wollten uns auch punkto Bühnenbild und Kostüme nah am Original bewegen», erzählt Erich Binggeli zum Entstehungsprozess. Die jungen Darstellerinnen hätten sich engagiert, aber auch kritisch mit der Übertragung der Geschichte in die heutige Zeit auseinandergesetzt.
Wo sieht der Co-Leiter der Theatergruppe bei «The Women» Unterschiede zur Gegenwart – und wo Parallelen? «Im Stück sind die Frauen in vielerlei Hinsicht in gesellschaftlichen Zwängen und Abhängigkeiten verhaftet. Da hat sich zum Glück einiges zum Positiven verändert», sagt Binggeli. Im Zwischenmenschlichen spiele sich heute dagegen vieles noch sehr ähnlich ab.
Das Leichte ist schwieriger
In all den Jahren hat Erich Binggeli stets Wert darauf gelegt, dem Publikum «gemischte Stücke» zu präsentieren, also Aufführungen, «die die Menschen unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregen». Dass der Fokus diesmal stärker auf Ersterem liegt, findet der Theaterfreund, der zwischen 2000 und 2004 Präsident der Kunstgesellschaft Thun (KGT) war, nicht weiter schlimm. «Wichtig ist uns, dass das Stück nicht anbiedernd, nicht billig daherkommt.»
Ohnehin erachtet Binggeli humoristische Stücke nicht als minderwertig. «Das Leichte gut umzusetzen, finde ich schwieriger», sagt er. Kollege Sam Linder pflichtet ihm bei: «Rhythmus und Timing, gerade bei den Pointen, sind eine Herausforderung. Und brauchen den entsprechenden Feinschliff.»
Wichtig war und ist Binggeli zudem der Einsatz von Musik. Er spielt selbst elektronische Orgel und steuerte nebst «Carpe Diem» auch bei «Der Weltuntergang» (2011) und «Dorian Gray» (2015) Eigenkompositionen fürs Abschlusstheater bei. Heuer sind es sinnigerweise Songs aus den 1930er Jahren, die das Geschehen auf der Bühne umrahmen werden. «Musik bringt zusätzliche Emotionen in ein Stück rein», sagt er.
Melancholie empfindet Erich Binggeli ob der persönlichen Theaterderniere übrigens keineswegs. Vor der Premiere sagt er: «Ich empfinde grosse Vorfreude, bin gespannt und angespannt.» Es passt zu diesem Menschen, dass er die Begeisterung bis ganz zum Schluss auf dem höchsten Niveau hält.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Thuner Tagblatts.





















































